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Tradition und Vision

Klischees sind langlebig. Vorurteile auch. Auf den ersten Blickt wirkt Jan D. Leuze daher vielleicht wie jemand, der mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurde. Immerhin bedient er alle gängigen Stereotypen: Auf Hochglanz polierte Schuhe. Das Hemd maßgeschneidert. Der Janker aus edler Wolle. An der Hand ein Siegelring. Der 55-Jährige ist ein Mensch, der durch sein Auftreten polarisiert. Wer genauer hinsieht, erkennt den Visionär, der mitreißt, motiviert und aus Ideen Wirklichkeiten werden lässt. Nur eines ist er nicht: Ein Mann, der in eine vorgefertigte Schublade passt. Die wäre ihm ohnehin zu eng. Seine Ideen brauchen schließlich Platz, um sich entfalten zu können.

Um ihn zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen. Als Ältester von fünf Kindern wurde der Konstanzer in eine Textilunternehmerdynastie hineingeboren. Eine Welt der klassischen Werte. Geprägt von Gründermut und Verantwortungsgefühl. Aber auch von Respekt gegenüber der Leistung anderer. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mich mein Großvater in den Ferien als Aushilfskraft arbeiten ließ. Ich sollte von der Pike auf lernen, worauf der Erfolg unserer Firma basierte. Bevorzugt behandelt wurde ich dabei nie. ,Schaffe, schaffe‘, hieß es damals immer“, erzählt er. Nach dem Schulabschluss war es daher eine Selbstverständlichkeit, dass der Unternehmersohn erst einmal eine Ausbildung zum Textilkaufmann absolvierte. Doch als es an ihm war, ebenso wie zuvor sein Vater und Großvater, in den Betrieb einzusteigen, gab es kein Erbe mehr, was er hätte antreten können. Wenn mir meine Vorfahren etwas vererbt haben, dann ist es zwar nicht der gern zitierte silberne Löffel, aber definitiv ihr Unternehmerblut, gibt der glücklich verheiratete Vater zweier Kinder unumwunden zu. Dazu gehört auch der Hang zur Unabhängigkeit.

Bis Anfang der 1990er Jahre war er als Freiberufler zuerst im Vertrieb und später im Auftrag der Treuhandanstalt für die Privatisierung in den neuen Bundesländern zuständig. Retten, sanieren, aber auch, wenn nötig, einen Schlussstrich ziehen. All das gehörte zu seinen Aufgaben. „Egal, wie die wirtschaftliche Entscheidung am Ende ausfiel, mir war immer wichtig“, so Leuze, „keine verbrannte Erde zu hinterlassen“. Eine Einstellung, die sich in der Branche schnell herumsprach. Nicht nur in der Bundesrepublik. 1992 bot ihm beispielsweise ein renommiertes österreichisches Geldinstitut eine verantwortliche Position in der Sondergestion an. Anschließend betreute er in der Schweiz als CEO eine Treuhandgesellschaft mit den Schwerpunkten Unternehmensberatung und Beteiligungen. Dennoch hat er nie seine Wurzeln vergessen. Der Wunsch, wieder in der Textilbranche etwas zu bewirken, veranlasste ihn 2012 als Investor und geschäftsführender Gesellschafter bei der Peine GmbH in Wilhelmshaven einzusteigen. Ein Geschäft, das perfekt für ihn zu sein schien. Heute weiß er, dass es kein stationäres Textilunternehmen ist, für das sein Herz schlägt. Es ist vielmehr die Entwicklung von Projekten und Standorten. Das Zusammenbringen von Menschen und Perspektiven. Genau das realisiert er aktuell in der Outlet-Branche. „Nach dem erfolgreichen Verkauf der Peine an einen chinesischen Grosskonzern bin ich in der Welt herumgereist, um mir überall die Outlets anzuschauen.“ Schnell kristallisierte sich dabei für ihn heraus, dass er keine künstlichen Welten à la Disneyland schaffen wollte, sondern individualisierte Centren. „Sie sollen in die jeweiligen Städte passen. Ich möchte keine Fremdkörper bauen. Mein Ziel ist es, dass eine Symbiose zwischen Historie, Kultur und bereits vorhandener Einzelhandelsstruktur entsteht. Nur so können Innenstädte wieder zeitgemäß belebt werden. Für mich ist das eine Renaissance des traditionellen Einkaufserlebnisses.“ Ein ehrgeiziges Vorhaben. „Doch kein illusorisches“, davon ist Jan D. Leuze überzeugt.

Und das aus gutem Grund. Der Konstanzer ist ein Teamplayer. Liebt es, Menschen mit ins Boot zu holen, die wie er gerne über den Tellerrand schauen. Interne und externe Fachleute. Personen, denen er vertraut – privat und beruflich. „Wenn man kreativ tätig ist, muss einfach die Chemie untereinander stimmen“, bringt er es auf den Punkt. Mit vielen seiner Mitstreiter arbeitet er bereits seit Jahren ausgesprochen erfolgreich zusammen. „Ich habe ein großartiges Team, das hinter mir steht. Sich selbst sieht er eher als Dirigenten: „Ohne mein Orchester bin ich gar nichts.“ Deshalb ist er dankbar, dass er die Gabe hat, Experten und Spezialisten aus den unterschiedlichsten Bereichen zu einem, um im Sprachgebrauch zu bleiben, Klangkörper zu formen: „Wenn wir gute Musik machen, haben wir letztlich alle etwas davon.“ Dafür ist der 55-Jährige bereit, viel zu riskieren. Seit Ende 1990er hat er als Investor Unternehmensbeteiligungen gekauft und verkauft. Es gibt einen Satz von Federico Fellini, den er in diesem Zusammenhang gern zitiert: „Der einzig wahre Realist ist der Visionär.“

Genau das treibt ihn auch jetzt an. Ist für ihn Anspruch und Ansporn zugleich. Die Integration von Outlet-Centren in die Innenstädte sieht Jan D. Leuze als erfolgreich gangbaren und nachhaltigen Weg, um dem Online-Handel etwas entgegenzusetzen. Für ihn hat das auch viel mit gesellschaftlicher Verantwortung zu tun: „Das klassische Einkaufsvergnügen ist für mich auch ein Kulturgut. Ich glaube, wir alle würden es sehr vermissen, wenn wir nur noch im Internet shoppen könnten. Denn es geht uns dabei doch nicht nur um den reinen Konsum, sondern auch um Kommunikation und zwischenmenschliche Kontakte. Sie bereichern unser Leben.“